02: Drum prüfe, was noch nicht sichtbar ist
Eine Pre-DD (Pre- Due Diligence) macht sichtbar, was unter der Oberfläche über den Erfolg einer Transaktion entscheidet. Sie bietet eine strategische Einordnung.
Der erste Artikel dieser Serie endete mit einer scheinbar einfachen Frage: Ist ein Windenergieprojekt überhaupt markt- und transaktionsfähig? Mit den Erkenntnissen aus unserem Perlentaucher-Tool schaffen wir dafür eine erste Einordnung. Wir machen sichtbar, ob ein Projekt grundsätzlich Substanz besitzt, ob seine wirtschaftliche Logik plausibel erscheint und ob sich ein weiterer Blick lohnt. Doch genau an dieser Stelle beginnt häufig ein Missverständnis. Nur weil ein Projekt grundsätzlich transaktionsfähig erscheint, heißt das noch nicht, dass es bereit für eine Transaktion ist.
Wer auf einen Eisberg blickt, sieht zunächst nur das, was über der Wasseroberfläche liegt: Größe, Form, vielleicht die Windenergieanlagen, die darauf stehen. Der weitaus größere Teil bleibt verborgen. Genau dort liegen die Informationen, die später über Vertrauen, Kaufpreis, Transaktionsdauer und Investitionssicherheit entscheiden.
Mehr als eine Bestandsaufnahme
Wenn eine erste Bewertung ergibt, dass ein Projekt grundsätzlich Marktpotenzial besitzt, wäre der naheliegende nächste Schritt die Marktansprache. Genau hier empfehlen wir heute häufig einen Zwischenschritt.
Warum? Weil die eigentliche Due Diligence ohnehin kommen wird.
Jeder Investor wird später prüfen, was er tatsächlich kauft: die Projektstruktur, Gutachten, Genehmigungsstände, wirtschaftliche Annahmen und die damit verbundenen Risiken. Die Frage ist daher nicht, ob diese Themen geprüft werden, sondern wann sie erstmals auf den Tisch kommen. Banken gehen bei Finanzierungsentscheidungen nach einem ähnlichen Prinzip vor und bewerten Chancen und Risiken ebenfalls anhand einer strukturierten Prüfung.
Die Frage lautet: Wollen wir die Antworten schon kennen, bevor der Markt sie stellt?
Genau hier setzt die Pre-DD an. Sie zieht einen Teil der späteren Käuferprüfung bewusst nach vorn und schafft Klarheit, bevor Verbindlichkeit entsteht. Aus Vermutungen werden belastbare Aussagen. Aus einem Projektordner wird eine Entscheidungsgrundlage.
Eisberg in Sicht? Was unter der Oberfläche liegt.
Die Rahmenbedingungen für Transaktionen haben sich in der jüngeren Vergangenheit deutlich verändert. Käufer prüfen genauer, tiefer und strukturierter als noch vor wenigen Monaten. Chancen interessieren weiterhin. Risiken interessieren heute noch mehr.
Deshalb betrachten wir das Projekt aus der Perspektive eines späteren Investors: technische Zusammenhänge, Genehmigungsstände, wirtschaftliche Annahmen, Vertragsunterlagen, Rechte, gesellschaftsrechtliche Strukturen. Nicht, um Fehler zu sammeln, sondern um Zusammenhänge zu verstehen.
Denn häufig sind es nicht die großen Risiken, die eine Transaktion in Seenot bringen. Es sind die kleinen Widersprüche unter der Oberfläche: ein Gutachten, das nicht zur Wirtschaftlichkeitsrechnung passt. Eine Genehmigungsauflage, deren Auswirkungen unterschätzt wurden. Eine Flächensicherung, die nicht vollständig zum aktuellen Layout passt. Ein Netzanschluss, der zwar vorhanden ist, aber nicht in der erforderlichen Qualität gesichert wurde.
Nicht jedes dieser Themen beendet eine Transaktion. Aber jedes davon kann später Zeit, Vertrauen und Kaufpreis kosten, besonders dann, wenn seine Bedeutung erst in der Käufer-DD erkannt wird. Dann hat sich die Verhandlungsposition bereits verschoben: Der Käufer bestimmt die Lesart, verlangt Absicherungen oder passt Kaufpreis, Zeitplan und Bedingungen an. Wer Dealbreaker erst im Prüfprozess kennenlernt, verhandelt aus der Defensive.
Die Pre-DD zieht diese Diskussion nach vorn. Sie schafft Zeit, Widersprüche aufzulösen, Unterlagen zu ergänzen und eine fachlich belastbare Argumentation vorzubereiten.
Wo tauchen wir besonders tief
Auf wirtschaftlicher Ebene stehen Ertragsannahmen, Kosten, Marktparameter und die Plausibilität der Wertlogik im Mittelpunkt. Gleichzeitig muss nachvollziehbar sein, ob Verträge und bestehende Rechte tragen und ob die Projektgesellschaft tatsächlich über das verfügt, was später Gegenstand der Transaktion sein soll. Gute Due Diligence bedeutet nicht, möglichst viele Fragen zu produzieren. Sie bedeutet, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Ein formaler Mangel kann heilbar sein. Ein unscheinbarer Widerspruch zwischen Nutzungsvertrag, Layout und Genehmigungsplanung kann dagegen erhebliche Auswirkungen haben.Unsere Aufgabe ist deshalb nicht nur das Finden, sondern vor allem das Einordnen:
- Kann ein Thema den Zeitplan verschieben?
- Verändert es die Wirtschaftlichkeit und ergo welche Auswirkungen hat diese Veränderung auf den Kaufpreis?
- Schränkt es den Käuferkreis ein?
- Erzeugt es Preisdruck oder zusätzliche Bedingungen?
Erst mit dieser Übersetzung wird aus einer Dokumentenprüfung eine belastbare Transaktionsvorbereitung.
Warum wir bewusst aus der Transaktion herausschauen
Ein Käufer kauft keine Transaktion. Er kauft eine Projektinsel.
Deshalb reicht es nicht, nur den Verkaufsprozess zu betrachten. Entscheidend ist, wie ein Käufer auf das Projekt blickt und welche Fragen er intern beantworten muss. Der Blick geht nicht nur auf die Transaktion, sondern tief in das Projekt hinein: Welche Entwicklungsschritte hätten beim erreichten Reifegrad bereits erfolgt sein sollen? Welche Aufgaben können noch angestoßen werden? Welche Potenziale wurden bislang nicht gehoben?
Erst aus diesem Zusammenspiel entsteht eine belastbare Einschätzung darüber, wie markt- und transaktionsfähig ein Projekt tatsächlich ist.
Welche Projekte besonders profitieren
Am meisten profitieren Projekte, die noch nicht in Betrieb sind. Hier ist die Bandbreite möglicher Entwicklungswege am größten. Auch fortgeschrittene Projekte mit wenigen, dafür besonders wertrelevanten Hebeln profitieren. Gleiches gilt für ältere Bestände mit neu zu bewertenden Annahmen, komplexe Genehmigungslagen, mehrere Projektpartner oder Co-Development-Konstellationen. Der gemeinsame Nenner bleibt: Eine Pre-DD lohnt sich überall dort, wo eine falsche strategische Entscheidung mehr kostet als eine frühe Einordnung.
Vom Status zum nächsten Schritt: der strategische Mehrwert
Von der Prüfung zur Entscheidung
Gerade wenn bereits erhebliche Investitionen in ein Projekt geflossen sind, stellt sich eine berechtigte Frage: Wo stehen wir eigentlich heute?
Welchen Wert besitzt das Projekt im aktuellen Marktumfeld? Welche Potenziale sind bereits gehoben, welche bleiben ungenutzt?
Eine Pre-DD liefert darauf mehr als eine Bestandsaufnahme. Schon die belastbare Ermittlung des Projektstatus ist werthaltig. Der eigentliche Mehrwert entsteht jedoch dort, wo aus dieser Klarheit eine strategische Einordnung wird. Wir zeigen nicht nur, was vorhanden ist oder fehlt, wir leiten daraus konkrete Handlungsoptionen ab.
Dabei geht es auch um Fragen wie: Welche Potenziale lassen sich noch heben? Welche Rolle spielt die Herstellerauswahl? Wie groß ist die Bandbreite bei Herstellerpreisen, Betriebs- und Wartungskosten? Und welche Optimierungen wirken sich unmittelbar auf Wirtschaftlichkeit und Werthaltigkeit aus?
Ebenso wichtig ist die Projektreife: Je früher ein Projekt steht, desto größer sind meist die strategischen Spielräume. Je weiter die Entwicklung fortgeschritten ist, desto präziser muss analysiert werden, welche Hebel überhaupt noch vorhanden sind.
Welche Richtung jetzt sinnvoll ist
Am Ende kann die Empfehlung sehr unterschiedlich ausfallen. Manchmal ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den Verkauf. In anderen Fällen lohnt sich noch ein Entwicklungsschritt. Ein strategischer Partner kann mehr Wert schaffen als ein vollständiger Exit. Und gelegentlich lautet die wichtigste Erkenntnis, dass das Projekt heute noch nicht bereit ist. Auch das ist kein Rückschlag. Es ist eine Entscheidung, bevor Markt, Zeit und Ressourcen gebunden werden.
~~~~~~
Was ist der Benefit für den Verkäufer?
Der Verkäufer erhält deutlich mehr als eine Risikoanalyse. Er gewinnt Klarheit über den tatsächlichen Projektstatus, die Markt- und Transaktionsfähigkeit sowie über Risiken und Potenziale. Vor allem erkennt er, welcher Weg im aktuellen Marktumfeld den größten Wert verspricht.
Dadurch steigen Transaktionssicherheit und Vorbereitungstiefe und die Wahrscheinlichkeit, dass spätere Käuferfragen nicht überraschen, sondern bereits beantwortet sind. Aus Unsicherheit wird Orientierung. Aus Orientierung wird Handlungsfähigkeit.
Dieser Mehrwert endet nicht bei der Transaktion. Auch Banken prüfen Projekte heute deutlich genauer als noch vor wenigen Jahren. Eine fundierte Pre-DD schafft deshalb nicht nur Vertrauen bei potenziellen Käufern. Sie kann auch in Finanzierungsprozessen helfen, Risiken nachvollziehbar einzuordnen und den Bedarf an zusätzlichem Eigenkapital zu reduzieren.
Am Ende erhält der Verkäufer eine belastbare Entscheidungsgrundlage mit:
- Überblick & Zielsetzung
- Datenbasis & Dokumentenreview
- Genehmigungs- & Regulatorische Analyse
- Technische Tragfähigkeit
- Analyse der Ertragsgutachten
- Netzanschluss & Erschließung
- Wirtschaftliche Einordnung
- Risikoanalyse & Deal-Breaker
- Handlungsempfehlungen & Optimierungspotenziale
- Q&A Liste
Welche Arbeit steckt bei TAVOA dahinter?
Unsere Arbeit beginnt lange bevor ein Projekt dem Markt vorgestellt wird. Wir strukturieren Datenräume, prüfen technische, wirtschaftliche und genehmigungsrechtliche Zusammenhänge, betrachten Projekte aus Käufer- und Verkäuferperspektive und übersetzen komplexe Sachverhalte in belastbare Entscheidungsgrundlagen. Kurz gesagt: Wir schauen unter die Wasseroberfläche. Denn Windräder sieht jeder. Der eigentliche Wert eines Projekts entsteht oft dort, wo er nicht augenscheinlich ist.
Drum prüfe, was noch nicht sichtbar ist. Denn genau dort entscheidet sich häufig, ob aus einer Perle auch eine erfolgreiche Transaktion wird.
Der nächste Schritt ist die Marktansprache. Wie ein Projekt nach der Pre-DD strukturiert, positioniert und in den Markt getragen wird, zeigen wir im nächsten Teil dieser Serie.
https://tavoa.de/windenergie-projektbewertung-transaktionsmanagement-tavoa/#Prozess
07.09.2026 | Tilo Reimann, Anja Mielke & Sascha Hilpert | TAVOA GmbH
