a
Q

express interest in projects

Registration

Interested in:

Agreement

02 | Windmarkt 2026: Projektparameter unter Strom

März 20, 2026 | TAVOA INSIGHTS

Blick aus dem Flugzeug, Windräder und Wolken

Wenn die Pipeline nicht mehr trägt – Projektparameter unter Strom.

These: Die eigentliche Unsicherheit im Windmarkt ist keine Marktphase – sie ist strukturell. Wer glaubt, mit einer klassischen Pipeline-Einschätzung noch belastbare Projektentscheidungen treffen zu können, riskiert mehr als schlechte Renditen.

Im ersten Artikel dieser Serie haben wir beschrieben, wie sich die Marktdynamik im Windenergiemarkt 2026 grundlegend verändert hat: sinkende Kaufangebote, neue Käuferschichten, zunehmender Wettbewerb um Projektrechte und die Notwendigkeit, Prozesssicherheit vor Preisoptimierung zu stellen. Doch hinter diesen Symptomen liegt eine tiefere Frage, die uns in der Beratungspraxis immer häufiger begegnet: Warum weichen Projekteinschätzungen heute so stark von der Realität ab – und was kann man dagegen tun?

Die Antwort ist unbequem. Das Problem liegt nicht nur im Markt. Es liegt in den Werkzeugen, mit denen wir Projekte bewerten.

Zwischen Genehmigung und Wirtschaftlichkeit: Die Zeitachse als unterschätztes Risiko

Wer ein genehmigtes Windprojekt in Händen hält, hat in der Regel jahrelange Arbeit investiert. Doch was zum Zeitpunkt der Entwicklung und somit Investitionsentscheidung wirtschaftlich solide wirkte, kann sich bei Erhalt der Genehmigung und Vorbereitung zur Teilnahme an der Ausschreibung fundamental verschoben haben. Das ist nicht neu – aber es wird gefährlicher.

Der Bundesverband WindEnergie hat im Januar 2026 klargestellt: Zwischen Zuschlag und Inbetriebnahme vergehen im Durchschnitt fast zwei Jahre. In dieser Zeit verändern sich Zinskonditionen, Komponentenpreise und Netzanschlussverfügbarkeiten. Selbst regulatorische Rahmenbedingungen können in dieser Phase noch auftreten – wie zum Beispiel sich verändernde rechtliche Beteiligungsmodelle auf Länderebene. Daten der Deutschen WindGuard zeigen, dass die Stromgestehungskosten für Onshore-Windenergieprojekte zwischen den Inbetriebnahmejahren 2021 und 2025 um 42 bis 45 Prozent gestiegen sind – getrieben durch höhere Anlagenpreise, gestiegene Fremdkapitalkosten und wachsende Investitionsnebenkosten für Wegebau, Netzanbindung und Kompensationsmaßnahmen. Gleichzeitig sanken die mittleren Zuschlagswerte in den Ausschreibungen 2025 kontinuierlich bis auf 6,06 ct/kWh im November – und Branchenexperten warnen, dass 2026 Werte unter 5,5 ct/kWh möglich sind. Das entspräche einem Erlösverfall von einem Viertel gegenüber 2024.

Die Konsequenz: Wer heute eine Pipeline bewertet, die vor zwei Jahren parametrisiert wurde, bewertet eine andere Welt mit veralteten Annahmen.

„Die Pipeline hat nicht die Wirtschaftlichkeit verloren. Sie hat nur nie die aktuelle Wirklichkeit abgebildet.“

Was Kostenstruktur und Einnahmestruktur heute voneinander trennt

In unserer Beratungsarbeit beobachten wir ein Phänomen, das sich in Projektgesprächen immer deutlicher zeigt: Projektentwickler sind in der Lage, ihre Kostenstruktur präzise zu beschreiben – Anlageninvestition, Fundament, Wegebau, Netzanbindung, Pacht, Wartungsvertrag, Bürgerbeteiligung. Diese Seite der Gleichung ist, wenn auch zunehmend teurer, noch planbar.

Was dagegen fundamental unsicher geworden ist, ist die Einnahmestruktur. Die Ausschreibungsergebnisse der Bundesnetzagentur zeigen Zuschlagswerte, deren Richtung nach unten weist. Der Direktvermarktungsmarkt bietet mehr Komplexität als Sicherheit. PPAs könnten Stabilität bringen – doch ihre Verfügbarkeit, Vertragslaufzeit und Preishöhe hängen von Faktoren ab, die frühzeitig in jede Projektmodellierung einfließen müssen. Das eigentliche Spannungsfeld heißt deshalb: Wir kennen unsere Kosten gut. Aber wir können unsere Erlöse nicht mehr verlässlich prognostizieren.

Diese Asymmetrie führt dazu, dass viele Projekte in einem Zustand der strukturellen Unsicherheit verharren: zu weit entwickelt zum Abbruch, zu wenig belastbar für eine Finanzierungsentscheidung.

Parameter, die heute auf dem Schirm sein müssen – und warum die Zeitachse entscheidet

~ Zeitachse und Realisierbarkeit: Liegt ein Netzanschluss vor? Ist der Anschlusstyp und -zeitpunkt verbindlich zugesagt? Gibt es längere Klageverfahren, die die Inbetriebnahme verschieben? Jede Verzögerung erhöht Finanzierungskosten, verändert den Ausschreibungsrahmen und erfordert Liquiditätspuffer. Die dena hat in ihrer Verteilnetzstudie II 2025 eindeutig belegt, dass der Netzzugang zu einem der engsten Flaschenhälse für neue Windprojekte wird. Jüngste politische Aussagen auf Bundesebene zur Netzinfrastruktur verstärken diese Unsicherheit zusätzlich.


~ Betriebskostenstruktur im Zeitverlauf:
Die erlösgekoppelten Betriebskostenkomponenten entwickeln sich mit den Markterlösen – einer zunehmend volatilen Größe. Fixe Betriebskostenanteile (laut aktueller Kostensituation im Durchschnitt 64 Prozent) müssen frühzeitig durch stabile Erlöspfade abgesichert werden. Wartungsverträge sollten deshalb nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit PPAs und Direktvermarktungskonzepten betrachtet werden.


~ Bürgerbeteiligungsmodelle und Sozialakzeptanz:
Projekte mit integrierten Bürgerbeteiligungsmodellen zeigen in unserer Erfahrung stabilere Genehmigungsverläufe und geringere Klagerisiken. Sie sind nicht nur gesellschaftspolitisch sinnvoll – sie sind ein wirtschaftlicher Stabilisierungsfaktor, der in Projektbewertungen oft unterbewertet wird.

Die Pipeline ehrlich lesen: Wann aufgeben, wann investieren, wann verkaufen?

Eine der drängendsten Fragen, die uns Projektentwickler stellen, ist: Wie lange soll ich Geld in ein Projekt stecken, das nicht vorwärtskommt? Wann ist es sinnvoll, einen Projektpartner zu suchen? Und wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Verkauf?

Diese Fragen sind nicht lästig. Sie sind die entscheidenden Fragen des professionellen Projektmanagements. Und sie lassen sich nur dann beantworten, wenn man eine ehrliche, faktenbasierte Bestandsaufnahme der Projektlage vornimmt – frei von Haltekosten-Denken und emotionaler Eigentümerlogik.

TAVOA entwickelt für solche Situationen strukturierte Handlungsempfehlungen entlang klarer Entscheidungsachsen: Welche Hindernisse sind technischer Natur und lösbar? Welche sind regulatorisch und haben eine Zeitdimension? Welche sind wirtschaftlich und erfordern eine neue Priorisierung im Portfolio? Diese Differenzierung ist der erste Schritt, um aus einem blockierten Projekt wieder ein steuerbares zu machen.

„Druck verengt den Blick. Wer unter Handlungsdruck steht, sieht seltener die Option, die am meisten wert gewesen wäre.“ – Ein Grundsatz, dem wir in unserer Beratungsarbeit täglich begegnen.

Agiles Denken als Methode: Die Pipeline nicht verwalten, sondern steuern

Was wir heute brauchen, ist keine neue Bewertungsformel – sondern eine andere Haltung gegenüber der eigenen Pipeline. Agiles Denken bedeutet in diesem Kontext: Projekte nicht als lineare Entwicklungspfade zu betrachten, sondern als dynamische Optionenbündel, die ständig neu bewertet werden müssen.

Das schließt ein: Die Bereitschaft, Projekte in Phasen zu priorisieren – nicht nach Entwicklungsstand, sondern nach Realisierungswahrscheinlichkeit und wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Einen strukturierten Blick auf die eigene Pipeline mit externem Sachverstand. Und die Offenheit, auch unbequeme Erkenntnisse als Grundlage für bessere Entscheidungen zu nutzen.

Der BWE hat im Januar 2026 darauf hingewiesen, dass für das Jahr 2026 ein Zubau von 8 bis 8,5 GW möglich ist, aber nur bei unveränderter Realisierungsgeschwindigkeit. Der Engpass liegt nicht mehr im Genehmigungsvolumen, sondern in der Fähigkeit, genehmigte Projekte tatsächlich zu realisieren. Projekte mit guten Parametern, gesichertem Netzanschluss und belastbarer Einnahmestruktur werden in diesem Umfeld deutlich bevorzugt behandelt – von Investoren wie von Finanzierern.

Fazit: Keine Pipeline mehr verwalten – jede Pipeline bewerten

Die zentrale Erkenntnis aus unserer täglichen Arbeit mit Projektentwicklern und Investoren lautet: Die Unsicherheit ist nicht temporär. Sie ist strukturell. Und sie lässt sich nicht durch Abwarten überwinden, sondern nur durch Klarheit.

Klarheit über die realen Kostenparameter, die tatsächliche Zeitachse, die Belastbarkeit der Einnahmeseite und die ehrliche Einschätzung, welche Projekte es wert sind, weiterentwickelt zu werden – und welche nicht.

TAVOA begleitet Projektentwickler und Investoren genau an dieser Stelle: als Sparringspartner bei der Portfolioanalyse, als Transaktionsbegleiter beim strukturierten Verkaufsprozess und als Bewertungsexperte dort, wo eine externe Perspektive den entscheidenden Unterschied macht.

Sprechen Sie mit uns über Ihre Pipeline. Nicht weil Sie müssen. Sondern weil es sich lohnt.

19.03.2026 | Tilo Reimann & Anja Mielke | TAVOA GmbH